Überraschend vorhersehbar
Was 25 Jahre Katastrophenanleihen über die Diversifikation von festverzinslichen Anlagen aussagen
Was 25 Jahre Katastrophenanleihen über die Diversifikation von festverzinslichen Anlagen aussagen
12. Oktober 2026
Während einzelne Ereignisse hinsichtlich Zeitpunkt und Schadenausmass ungewiss sind, haben breit diversifizierte Portfolios mit Naturkatastrophenrisiken über mehr als zwei Jahrzehnte hinweg ein aussergewöhnlich stabiles Renditeprofil erzielt.
Zwischen Februar 2002 und März 2026 erzielte der Swiss Re Cat Bond Total Return Index eine annualisierte Rendite von 7,7 % bei einer annualisierten Volatilität von 3,7 %. Im gleichen Zeitraum erreichten US-High-Yield-Anleihen eine Rendite von 7,1 % bei einer Volatilität von 8,8 %, während der S&P 500 eine annualisierte Rendite von 9,6 % bei einer Volatilität von 14,8 % erzielte. Die Korrelationen zwischen Cat Bonds und den wichtigsten traditionellen Anlageklassenindizes lagen durchgehend bei höchstens 0,26. Seit Auflegung verzeichnete der Index lediglich ein einziges negatives Kalenderjahr: 2022.1
Operativ mögen Cat Bonds klassischen Obligationen ähneln, wirtschaftlich unterscheiden sie sich jedoch grundlegend. Ihre wesentliche Risikoquelle ist weder die Bonität eines Unternehmens, noch der Verlauf der Leitzinsen oder die wirtschaftliche Entwicklung. Stattdessen erhalten Investoren eine Prämie für die Übernahme klar definierter Versicherungsverluste infolge von Naturkatastrophen. Dadurch entsteht eine Renditequelle, deren Entwicklung historisch betrachtet vergleichsweise wenig von den gängigen Risikofaktoren traditioneller Portfolios beeinflusst wurde.
Dieser Unterschied ist deshalb von Bedeutung, weil die Diversifikationswirkung zwischen Aktien und Anleihen stark von der jeweiligen Ursache eines Marktschocks abhängt. Im März 2020 gerieten Aktien und Unternehmensanleihen gleichzeitig unter Druck, als die Marktliquidität abrupt zurückging. Im Jahr 2022 führten Inflation und eine aggressive geldpolitische Straffung dazu, dass sowohl US-Aktien als auch der Bloomberg US Aggregate Bond Index auf Kalenderjahresbasis Verluste verzeichneten. Untersuchungen des Internationalen Währungsfonds (IWF), die im Februar 2026 veröffentlicht wurden, zeigen zudem, dass Aktien und Anleihen seit 2020 in Stressphasen zunehmend dazu tendieren, gleichzeitig an Wert zu verlieren.2
Auch Cat Bonds können zwischenzeitliche Wertverluste erleiden. Der entscheidende Unterschied liegt jedoch in deren Auslösern: Nicht Unternehmensgewinne, Verschuldungsgrade, Durationsrisiken oder der Konjunkturzyklus stehen im Vordergrund, sondern versicherte Naturkatastrophenereignisse. Diese Eigenständigkeit der Risikotreiber hat sich in der Praxis wiederholt bestätigt und wesentlich zu den Diversifikationseigenschaften der Anlageklasse beigetragen.
Abbildung 1: Eine Renditequelle mit eigenständigen Risikotreibern
Annualisierte Rendite und Volatilität (Februar 2002 bis März 2026)

Von der Innovation zur etablierten Marktinfrastruktur
Cat Bonds entstanden als Antwort auf ein Kapazitätsproblem im Rückversicherungsmarkt. Der Hurrikan Andrew im Jahr 1992 und das Northridge-Erdbeben im Jahr 1994 machten deutlich, wie stark konzentrierte Naturkatastrophenrisiken die traditionellen Bilanzen von Rückversicherern belasten können. Die Kapitalmärkte boten eine grössere und strukturell andersartige Quelle zur Übernahme solcher Risiken. Mitte der 1990er-Jahre folgten die ersten richtungsweisenden Transaktionen. Ein Meilenstein war das Jahr 1997, als USAA über Residential Re Anleihen im Volumen von 477 Mio. USD platzierte, die an Verluste aus US-Hurrikanen gekoppelt waren.
Was ursprünglich als innovative Form der Finanzstrukturierung begann, hat sich inzwischen zu einem festen Bestandteil des globalen Marktes für den Transfer von Naturkatastrophenrisiken entwickelt. Versicherer und Rückversicherer nutzen Cat Bonds, um ihre Risikotransferquellen zu diversifizieren, mehrjährige Kapazitäten zu sichern sowie Schwankungen bei Ratings und regulatorischen Kapitalanforderungen zu steuern. Die Nachfrage ist struktureller Natur: Naturkatastrophenrisiken müssen entweder mit Kapital unterlegt oder an Dritte übertragen werden. Cat Bonds ermöglichen einen vollständig kapitalgedeckten Risikotransfer, der die Kapitaleffizienz verbessern und die Abhängigkeit von den Bilanzen traditioneller Rückversicherer reduzieren kann. Für Investoren bieten sie Zugang zu einer Versicherungsrisikoprämie, deren Entwicklung historisch nur eine geringe Korrelation zu vielen traditionellen Finanzmarktrisiken aufwies.3
Mit dem Wachstum des Marktes nahm auch dessen Institutionalisierung zu. Das Emissionsvolumen von Cat Bonds erreichte 2025 mit 24,7 Mrd. USD einen neuen Rekord. Im ersten Halbjahr 2026 wurden bereits mehr als 17 Mrd. USD über 64 Transaktionen emittiert, was dem stärksten ersten Halbjahr in der Geschichte des Marktes entspricht.4 Das ausstehende Marktvolumen belief sich per Ende Juni auf rund 65,6 Mrd. USD.5
Wiederkehrende Emittenten bilden weiterhin das Rückgrat des Marktes, gleichzeitig verbreitert sich das Emittentenuniversum stetig. Neben Erst- und Rückversicherern nutzen zunehmend auch öffentliche Institutionen verschiedene Risikotransferlösungen über Cat Bonds. Zudem erweitert sich die Vielfalt hinsichtlich Regionen und versicherter Naturgefahren kontinuierlich. Was einst als taktische Lösung zur Risikofinanzierung begann, hat sich zu einem etablierten Bestandteil des globalen Marktes für den Transfer von Naturkatastrophenrisiken entwickelt.
Abbildung 2: Vom Nischenmarkt zur etablierten Marktinfrastruktur
Wachstum des Cat-Bond-Marktes: Ausstehendes Volumen und Neuemissionen (2012 bis H1 2026)
Struktur zählt: Drei Merkmale, die Investoren nur selten anderswo finden
Die interessantesten Eigenschaften von Cat Bonds wurden ursprünglich nicht für Investoren konzipiert. Sie sind vielmehr das Ergebnis des Bedarfs von Versicherern und Rückversicherern nach effizienten, sicheren und kapitaleffizienten Risikotransferlösungen. Gerade diese Strukturmerkmale bringen jedoch attraktive Vorteile für Investoren mit sich.
1 | Naturkatastrophenrisiko weitgehend unabhängig vom Kreditrisiko des Emittenten
Ein Cat Bond wird über eine Zweckgesellschaft (Special Purpose Vehicle, SPV) emittiert. Investoren stellen das Kapital zu Beginn vollständig bereit, wobei die Emissionserlöse auf ein separates Sicherheitenkonto fliessen. Dieses wird in der Regel in Geldmarktfonds auf Basis von US-Staatsanleihen oder vergleichbaren hochwertigen, kurzfristigen Anlagen investiert. Tritt das vertraglich definierte Naturkatastrophenereignis ein, wird ein Teil oder die gesamte Sicherheit an den Sponsor ausgezahlt. Andernfalls erhalten die Investoren ihr Kapital bei Fälligkeit zurück.
Im Gegensatz dazu ist traditionelle Rückversicherung in der Regel nicht vollständig und eins zu eins durch hinterlegte Sicherheiten gedeckt. Der Käufer der Rückversicherung bleibt somit dem Gegenparteirisiko des Rückversicherers ausgesetzt. Bei Cat Bonds verhält es sich anders: Die Risikodeckung wird von Beginn an vollständig finanziert, und die Sicherheiten verbleiben im Treuhandvermögen der Zweckgesellschaft ausserhalb der Bilanz des Sponsors. Dadurch kann der Sponsor einen vollständig besicherten Risikotransfer erhalten, ohne das Kapital der Investoren selbst zu halten. Investoren wiederum profitieren in der Regel von einer sehr begrenzten Abhängigkeit von der Solvenz des Sponsors.
2 | Variable Erträge bei begrenztem Durationsrisiko
Der Coupon eines Cat Bonds setzt sich üblicherweise aus zwei Komponenten zusammen: dem Ertrag aus den hinterlegten Sicherheiten und einer Versicherungsrisikoprämie, die vom Sponsor bezahlt wird. Da die Sicherheiten überwiegend kurzfristig angelegt sind und ihre Verzinsung mit den Geldmarktsätzen angepasst wird, verhalten sich Cat Bonds wirtschaftlich eher wie variabel verzinsliche Instrumente als wie klassische festverzinsliche Anleihen.
Besonders deutlich zeigte sich dieser Vorteil im Jahr 2022. Während traditionelle Anleiheportfolios unter steigenden Renditen und entsprechenden Bewertungsverlusten litten, profitierten Cat-Bond-Investoren von den höheren Erträgen auf die hinterlegten Sicherheiten. Die Versicherungsrisikoprämie blieb dabei die wichtigste Quelle für den Mehrertrag, während die geldmarktnahe Komponente von den höheren kurzfristigen Zinsen profitierte.
Diese Kombination ist ungewöhnlich: eine attraktive Risikoprämie bei gleichzeitig begrenzter Sensitivität gegenüber längerfristigen Zinsschwankungen.
3 | Kurze Laufzeiten, regelmässige Neubewertung und schnellere Erholung
Die meisten Cat Bonds haben eine Laufzeit von rund drei Jahren, üblicherweise innerhalb einer Bandbreite von drei bis fünf Jahren. Die zugrunde liegenden Versicherungsrisiken werden dagegen meist für jeweils ein Jahr gezeichnet. Das ist relevant, denn Naturkatastrophenrisiken sind nicht statisch: Versicherte Werte verändern sich, Risikomodelle werden laufend weiterentwickelt, und auch die Gefährdungslage selbst verändert sich im Zeitverlauf.
Die vergleichsweise kurzen Laufzeiten zwingen den Markt dazu, Risiken kontinuierlich neu zu bewerten und neu zu bepreisen. Investoren sind dadurch nicht über viele Jahre an die Annahmen gebunden, die zum Zeitpunkt der Emission galten. Historisch betrachtet führten grössere Naturkatastrophenereignisse häufig zu höheren Risikoprämien und einer Verknappung der verfügbaren Rückversicherungskapazitäten. Die kurze Laufzeitenstruktur ermöglicht es Investoren, relativ rasch von diesen Marktanpassungen zu profitieren.
Der Hurrikan Ian verdeutlicht diesen Mechanismus. Im Jahr 2022 verzeichneten Cat Bonds aufgrund eines versicherten Schadenereignisses Wertverluste, während traditionelle Anleihen vor allem unter makroökonomischen Faktoren litten. Der Swiss Re Cat Bond Index erzielte anschliessend im Jahr 2023 eine Rendite von 19,7 %, da sich die Risikoprämien neu auf einem höheren Niveau einpendelten und die Erträge aus den hinterlegten Sicherheiten erhöht blieben. Die zeitliche Belastungsphase fiel zwar zusammen, die Ursachen waren jedoch grundverschieden.
Abbildung 3: Wie Cat Bonds ereignisbezogene Risiken isolieren
Vereinfachte Struktur eines Cat Bonds

Die nächste Entwicklungsstufe: Grösse, Liquidität und bessere Diversifikation
Der Markt für Cat Bonds hat mittlerweile eine Grösse erreicht, die den Investment Case zusätzlich stützt. Das ausstehende Marktvolumen belief sich im Juni 2026 auf rund 65,6 Mrd. USD, nachdem bereits das erste Halbjahr ein erneutes Rekordemissionsvolumen verzeichnet hatte. Mit zunehmender Markttiefe ergeben sich für Investoren insbesondere drei Vorteile: eine bessere Skalierbarkeit, höhere Liquidität und erweiterte Möglichkeiten zur Diversifikation von Naturkatastrophenrisiken.
Skalierbarkeit: Allokationen, die noch vor zehn Jahren nur schwer umsetzbar waren, sind heute zunehmend praktikabel. Das in UCITS-konformen Cat-Bond-Fonds verwaltete Vermögen überschritt im Juli 2026 die Marke von 21 Mrd. USD.6 Gleichzeitig wächst die Zahl der Sponsoren kontinuierlich. Bislang konnte das Angebot mit der steigenden Nachfrage Schritt halten, unterstützt durch höhere versicherte Vermögenswerte und einen anhaltenden Bedarf an Risikotransferlösungen.
Liquidität: Ein wachsendes Anlageuniversum, regelmässige Neuemissionen sowie eine breitere Basis von Vermögensverwaltern und Investoren fördern die Marktliquidität. Dies führt zu mehr Handelsaktivität in beide Richtungen, besser beobachtbaren Marktpreisen und einer robusteren Preisfindung.
Diversifikation: Das grösste Einzelrisiko im Markt bleibt weiterhin die Absicherung von US-Hurrikanrisiken. Gleichzeitig erweitert sich das Emissionsuniversum zunehmend auf Erdbeben-, Waldbrand-, schwere Sturm-, Überschwemmungs- sowie europäische und asiatische Naturkatastrophenrisiken. Vereinzelt werden mittlerweile auch nicht natürliche Risiken, etwa Cyberrisiken, in den Markt eingebunden. Ein Hurrikan in Florida, ein Erdbeben in Japan oder ein Wintersturm in Europa beruhen auf unterschiedlichen Risikotreibern. Ein breiteres Anlageuniversum ermöglicht es daher Portfoliomanagern, nicht nur von traditionellen Finanzmarktrisiken zu diversifizieren, sondern auch die Naturkatastrophenrisiken innerhalb des Portfolios gezielt zu streuen.
Vorhersehbarkeit in einer unvorhersehbaren Welt
Cat Bonds bleiben eine spezialisierte Anlageklasse. Sie sind mit realen Extremrisiken, Modellrisiken sowie ereignisbedingten Liquiditätsrisiken verbunden. Nach fast 25 Jahren nachvollziehbarer Wertentwicklung hat sich die zentrale Investmentthese jedoch weitgehend bestätigt: Investoren wurden historisch dafür entschädigt, ein Risiko zu tragen, dessen wesentliche Treiber weitgehend unabhängig von den makroökonomischen Risiken sind, die in den meisten traditionellen Portfolios enthalten sind.
Gerade diese Eigenschaft ist heute zunehmend schwer allein mit klassischen festverzinslichen Anlagen zu replizieren. Während Naturkatastrophen selbst stets unvorhersehbar bleiben werden, kann das Rendite- und Risikoprofil eines breit diversifizierten Cat-Bond-Portfolios deutlich berechenbarer sein.
Dr. Rom Aviv leitet den Bereich Insurance-Linked Securities (ILS) bei GAM. Gemeinsam mit Swiss Re verantwortet GAM die Co-Verwaltung einer Reihe von ILS-Strategien. Mehr über Rom Aviv erfahren Sie hier.
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