Straffung ohne Grund zur Sorge
Warum nach der jüngsten Rallye teilweise Gewinnmitnahmen sinnvoll sein können
Warum nach der jüngsten Rallye teilweise Gewinnmitnahmen sinnvoll sein können
8. September 2026
Einer der häufigsten Fehler im Portfoliomanagement besteht darin, kurzfristige taktische Anpassungen mit einer strategischen Veränderung der Anlageüberzeugung zu verwechseln. Das Reduzieren von Marktrisiken nach einer Phase deutlicher Kursgewinne ist nicht gleichbedeutend mit einer Abkehr von Aktien. Anleger können durchaus weiterhin von den langfristigen, strukturellen Argumenten für Aktien überzeugt sein und gleichzeitig für die kommenden Quartale eine etwas selektivere Haltung einnehmen. Diese Unterscheidung erscheint derzeit besonders relevant, da die aktuelle Aktienrallye, die sich rückblickend mit der Einführung von ChatGPT1 im November 2022 beschleunigte, inzwischen in ihr viertes Jahr geht (siehe Abbildung 1).
Aktien bleiben ein Motor des langfristigen Vermögensaufbaus – doch auch ein Motor kann gelegentlich ins Stottern greaten
Zunächst bleibt das langfristige Argument für Aktien überzeugend. Die bekannte Beobachtung des Ökonomen Jeremy Siegel, wonach Aktien über lange Zeiträume hinweg reale Renditen von rund 6,5 bis 7 % pro Jahr erzielt haben, zählt nach wie vor zu den wichtigsten Grundsätzen des Investierens. Die sogenannte «Siegel-Konstante»2 verdeutlicht die bemerkenswerte Beständigkeit langfristiger Aktienrenditen über Kriege, Rezessionen, Inflationsschübe, politische Umwälzungen und zahlreiche Marktkrisen hinweg.
Aus ökonomischer Sicht ermöglichen Aktien Anlegern, am menschlichen Fortschritt und an Innovationen teilzuhaben, indem sie sich an börsenkotierten Unternehmen beteiligen. Entsprechend schrieb der Economist zu Beginn dieses Jahres, dass keine andere breit verfügbare und bewährte Anlageklasse vergleichbare langfristige Renditechancen biete.
Die Erkenntnis, dass Aktien zu den attraktivsten Instrumenten für den langfristigen Vermögensaufbau zählen, bedeutet jedoch nicht, dass Bewertungen, Marktstimmung oder Positionierungen vollständig ausser Acht gelassen werden sollten. Dies mag für Anleger mit einem sehr langen Anlagehorizont vertretbar sein, gilt jedoch nicht zwangsläufig für alle Investoren. Märkte verlaufen schliesslich selten geradlinig. Selbst innerhalb von Haussephasen wie der gegenwärtigen können Phasen ausgeprägter Euphorie entstehen, in denen eine moderate Neugewichtung des Portfolios oder selektive Gewinnmitnahmen die künftigen risikobereinigten Erträge verbessern können.
Hinzu kommt, dass sich im Voraus kaum bestimmen lässt, wann eine Aktienhausse ihrem Ende entgegengeht. Vor diesem Hintergrund kann es sinnvoll sein, unterwegs einen Teil der erzielten Gewinne zu realisieren. Für professionelle Vermögensverwalter und ihre Kunden kann dies eine wichtige zusätzliche Quelle der Wertschöpfung darstellen.
Bilanz ziehen: Das Verhältnis von Chancen und Risiken ist nicht mehr so attraktiv wie früher
Derzeit mehren sich die Anzeichen dafür, dass sich ein gewisses Mass an Optimismus bereits in den Marktbewertungen niedergeschlagen hat. Zwar präsentieren sich die Fundamentaldaten der Unternehmen nach der Berichtssaison zum zweiten Quartal in den USA insgesamt weiterhin robust. So meldeten sowohl Microsoft3 als auch Alphabet4 einen erheblichen Auftragsbestand im Cloud-Geschäft. Einige Bewertungskennzahlen deuten jedoch darauf hin, dass das künftige Renditepotenzial weniger grosszügig ausfallen könnte, als dies in den vergangenen Jahren der Fall war.
Bewertungen sind bekanntermassen ein schwacher Indikator für die Kursentwicklung der kommenden Wochen, liefern aber durchaus wertvolle Hinweise auf die langfristigen Ertragsperspektiven. Historisch betrachtet fielen die zukünftigen Renditen im Durchschnitt tiefer aus, wenn die Ausgangsbewertungen bereits hoch waren.
Ein häufig verwendeter Indikator ist das zyklisch adjustierte Kurs-Gewinn-Verhältnis nach Shiller (CAPE), das die inflationsbereinigten Unternehmensgewinne über einen Zeitraum von zehn Jahren glättet und dadurch konjunkturelle Schwankungen reduziert. Historisch gingen erhöhte CAPE-Werte wie der aktuelle Wert von rund 41x* häufig mit niedrigeren Renditen des S&P 500 in den darauffolgenden zehn Jahren einher. Zwar eignet sich dieser Indikator nicht als präzises Instrument für kurzfristige Marktprognosen, er liefert jedoch wertvolle Hinweise auf die langfristigen Renditeerwartungen.
Mit anderen Worten: Hohe Bewertungen sagen nicht verlässlich voraus, wann eine Marktkorrektur eintreten wird. Sie geben jedoch durchaus Aufschluss darüber, welche Renditen Anleger über das kommende Jahrzehnt realistischerweise erwarten können. Dies sollte Anlass sein, die Grösse der Aktienallokation innerhalb gemischter oder Multi-Asset-Portfolios kritisch zu überprüfen.
Vor diesem Hintergrund ist eine teilweise Reduktion der Aktienquote nach einer starken Kursentwicklung weniger als Versuch des Market Timings zu verstehen, sondern vielmehr als Ausdruck eines disziplinierten Portfoliomanagements. Sie trägt der Tatsache Rechnung, dass bereits beträchtliche Kursgewinne erzielt wurden und das Verhältnis zwischen Chancen und Risiken heute nicht mehr ganz so attraktiv erscheint wie noch vor einiger Zeit.
Abbildung 1: KI-Boom – möglicherweise noch nicht das Ende einer Ära, aber auch längst nicht mehr deren Beginn
Euphorie zügeln: Portfolios widerstandsfähiger aufstellen
Entscheidend ist dabei das Wort «moderat». Dies ist keineswegs ein Plädoyer für eine umfassende Reduktion von Risiken oder den Versuch, jede Phase erhöhter Marktvolatilität aktiv zu umgehen, wie dies beispielsweise bei bestimmten Hedgefonds-Strategien der Fall ist. Für solche Ansätze existieren spezialisierte Strategien, die durchaus ihre Berechtigung haben. Im Rahmen eines Multi-Asset-Portfolios geht es vielmehr darum, schrittweise einen Teil der erzielten Gewinne zu sichern, insbesondere in Bereichen des globalen Aktienmarktes, die sich im Falle einer Marktkorrektur möglicherweise als weniger widerstandsfähig erweisen könnten.
Eine solche Anpassung ermöglicht es Anlegern, weiterhin von der langfristigen Aktienrisikoprämie zu profitieren und gleichzeitig anzuerkennen, dass das kurzfristige Marktumfeld anspruchsvoller werden könnte. Mit anderen Worten: Der langfristige Optimismus bleibt bestehen, während das Portfolio gleichzeitig robuster aufgestellt wird.
Dieselbe Überlegung lässt sich auch auf andere Anlageklassen innerhalb eines Multi-Asset-Portfolios übertragen. Die Kreditspreads, also die Mehrrendite von Unternehmensanleihen gegenüber Staatsanleihen, bewegen sich weiterhin auf historisch relativ tiefen Niveaus. Zwar bleiben die Fundamentaldaten der Unternehmen insgesamt solide, doch werden Anleger für die Übernahme zusätzlicher Kreditrisiken derzeit oft nur begrenzt entschädigt. So lag der durchschnittliche Spread des Bloomberg US Liquid Investment Grade Index per 18. August bei lediglich 0,9 %*.
Vor diesem Hintergrund erscheint eine moderate Reduktion von Engagements in Anleihen geringerer Bonität sinnvoll, insbesondere wenn das Ziel darin besteht, die Flexibilität des Portfolios zu erhöhen und nicht eine ausgeprägte makroökonomische Positionierung vorzunehmen.
Auch vermeintlich sichere Staatsanleihen verdienen eine kritische Betrachtung. Ihre Renditen sind in den vergangenen Jahren deutlich gestiegen, während Zinsschwankungen zunehmend zu einem festen Bestandteil des Anlageumfelds geworden sind. Hintergrund sind anhaltende Unsicherheiten hinsichtlich Inflation, Geldpolitik und geopolitischer Entwicklungen. Für Anleger, die ein höheres sogenanntes Durationsrisiko tragen, kann eine moderate Reduktion dieser Positionen dazu beitragen, die Widerstandsfähigkeit des Portfolios zu verbessern. Dies gilt insbesondere für den Fall, dass die Anleiherenditen infolge neuer Inflationsimpulse oder politischer Unsicherheiten erneut steigen sollten.
Abbildung 2: Staatsanleihen als Volatilitätstreiber – eine überraschende Entwicklung der vergangenen Jahre

Die Börsenparty ist noch nicht vorbei – doch einige Entwicklungen könnten die Stimmung dämpfen
In der Summe führen diese Anpassungen zu einer moderaten Reduktion des Gesamtrisikos im Portfolio. Von einem Rückzug oder gar einer defensiven Positionierung kann jedoch keine Rede sein. Vielmehr tragen sie der Tatsache Rechnung, dass nach der kräftigen Rallye vieler Risikoanlagen, einschliesslich Anleihen und Unternehmensanleihen, die Wahrscheinlichkeit einer Wiederholung der aussergewöhnlich hohen Erträge tendenziell sinkt.
Mit Blick auf das vierte Quartal gibt es zudem einige Gründe für erhöhte Vorsicht. Wie bereits erwähnt, erscheinen die Bewertungen in Teilen des Marktes anspruchsvoll. Gleichzeitig bleibt der Konflikt im Nahen Osten eine bedeutende Unsicherheitsquelle. Hinzu kommen die nach wie vor schwer vorhersehbare Entwicklung von Inflation und Zinsen vor dem Hintergrund hoher Energiepreise sowie eine zunehmend datenabhängig agierende US-Notenbank. Nicht zuletzt verlangen Investoren weiterhin den Nachweis, dass sich die erheblichen Investitionen in Künstliche Intelligenz tatsächlich in den erwarteten Ergebnissen und Unternehmensgewinnen niederschlagen.
Zusammengenommen könnten diese Faktoren die Märkte anfälliger für zwischenzeitliche Rückschläge machen, selbst wenn der langfristige Ausblick insgesamt konstruktiv bleibt.
Bargeld ist nicht König – und auch nicht die einzige Alternative zu Aktien
Die entscheidende Frage lautet daher: Welche Alternativen stehen Anlegern derzeit offen?
Die erfreuliche Nachricht ist, dass investierte Mittel heute nicht mehr unverzinst oder mit minimaler Rendite auf dem Konto liegen müssen. Kurzlaufende Anleihen bieten inzwischen Renditen, die sowohl im historischen Vergleich als auch absolut betrachtet attraktiv erscheinen. US-Dollar- und Pfund-Anleger erzielen derzeit beispielsweise Renditen von 3,7 % beziehungsweise 3,9 %* und liegen damit über den jeweiligen Inflationsraten.
Anleger können somit reale Erträge erwirtschaften, ohne auf eine hohe Liquidität verzichten zu müssen, und gleichzeitig die Schwankungsanfälligkeit ihres Portfolios reduzieren.
In vielen Fällen kann es daher sinnvoll sein, einen Teil der Gewinne aus Aktien, Unternehmensanleihen oder langlaufenden Anleihen in qualitativ hochwertige, kurzlaufende Anleihen umzuschichten. Eine solche Positionierung bietet eine seltene Kombination aus attraktiven laufenden Erträgen, Kapitalerhalt und strategischer Flexibilität.
Gerade diese Flexibilität könnte sich als besonders wertvoll erweisen, falls eine Phase erhöhter Marktvolatilität künftig attraktivere Einstiegsmöglichkeiten schafft. Zwar haben sich Marktrückschläge in den vergangenen Jahren oft als kurzlebig erwiesen. So benötigte der S&P 500 nach den Zollankündigungen am «Liberation Day» im Frühjahr 2025 lediglich rund zwei Monate, um die entstandenen Verluste wieder wettzumachen. Sollte es jedoch zu einer nachhaltigeren Aktienmarktkorrektur kommen, wäre diese zwar schmerzhaft, könnte gleichzeitig aber attraktive Gelegenheiten schaffen, zu günstigeren Bewertungen wieder stärker in den Aktienmarkt einzusteigen.
Mit langfristigem Potenzial investieren, ohne die kurzfristigen Risiken aus den Augen zu verlieren
Zusammenfassend gilt: Langfristig orientierte Anleger müssen nicht zu Pessimisten werden, nur weil die Märkte bereits eine starke Entwicklung hinter sich haben. Die grundlegende Logik der sogenannten «Siegel-Konstante» bleibt unverändert bestehen. Schliesslich basiert sie auf historischen Aktienrenditen, die die zwischenzeitlich teils erheblichen Marktschwankungen bereits berücksichtigen. Aktien dürften daher auch künftig ein zentraler Baustein für den langfristigen Vermögensaufbau bleiben.
Gleichzeitig gilt jedoch: Nach kräftigen Kursanstiegen und bei erhöhten Bewertungen fallen die zu erwartenden künftigen Renditen tendenziell bescheidener aus. Insbesondere in den USA scheinen die Aktienmärkte zunehmend auf ein positives Szenario ausgerichtet zu sein. Vor diesem Hintergrund ist es keineswegs widersprüchlich, einen Teil der erzielten Gewinne zu sichern.
Erfolgreiches Investieren und umsichtiges Risikomanagement beruhen häufig nicht auf einschneidenden Richtungswechseln, sondern auf gezielten und massvollen Anpassungen der Portfolioallokation. Genau darin liegt der Kern einer disziplinierten Multi-Asset-Strategie: Anleger bleiben an den langfristigen Wachstumsperspektiven der Kapitalmärkte beteiligt, während gleichzeitig die Widerstandsfähigkeit des Portfolios erhöht wird.
Auf diese Weise können professionelle Anleger und ihre Kunden weiterhin von den langfristigen Ertragschancen der Aktienmärkte profitieren und zugleich besser auf mögliche Herausforderungen in den kommenden Quartalen vorbereitet sein.
Julian Howard ist Chief Multi-Asset Investment Strategist bei GAM Investments. Dieser Beitrag gibt die Einschätzungen des Multi-Asset-Teams von GAM Investments wieder.
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