Ist im Vereinigten Königreich alles in Ordnung?
Die Märkte reagieren auf die politische Unsicherheit
Die Märkte reagieren auf die politische Unsicherheit
26. Mai 2026
Die britischen Märkte gaben den Investoren mit den Kommunalwahlen vom 7. Mai reichlich Stoff zum Nachdenken. Während der Iran-Krieg den S&P 500 offenbar überhaupt nicht mehr beeinflusst, war die unmittelbare Marktreaktion in Grossbritannien bemerkenswert. Nach den erheblichen Verlusten der Labour-Partei bei den Kommunalwahlen im ganzen Land stiegen die Renditen britischer Staatsanleihen, der FTSE 100 gab nach und das „Cable“ (GBP gegenüber USD) zeigte hohe Volatilität. Sowohl internationale als auch britische Investoren versuchen zu Recht, Lehren aus dieser jüngsten Episode britischer Instabilität zu ziehen. Insbesondere: Werden britische Staatsanleihen wahrscheinlich weiterhin zuverlässige Diversifikationsinstrumente bleiben, deren Renditen nicht wesentlich durch unerwünschte Kapitalverluste beeinträchtigt werden? Ist der FTSE 100 wirklich in der Lage, Investoren eine Alternative zum „mächtigen“ S&P 500 zu bieten? Und schliesslich: Wird das GBP stabil genug sein, um Gewinne und Renditen nicht zu verzerren, wenn diese sowohl für britische Unternehmen als auch für Investoren wieder in GBP umgerechnet werden?
Realitätscheck: Die Kosten für die anhaltende Erhöhung der Staatsausgaben
Die Reaktion des Marktes für britische Staatsanleihen auf die Wahlen spiegelt möglicherweise ein seit Langem bestehendes Problem wider, nämlich die zunehmende Wahrnehmung, dass Grossbritannien möglicherweise über seine Verhältnisse lebt. Die Verschuldung im Verhältnis zum Bruttoinlandsprodukt (BIP) liegt derzeit bei fast 94 Prozent und damit in etwa auf dem Niveau, auf dem sie seit der Pandemie und den damals unglaublich teuren staatlichen Massnahmen (310 bis 410 Milliarden GBP1 laut offiziellen Schätzungen) liegt. Ebenso beträgt das Haushaltsdefizit des Vereinigten Königreichs nun fast fünf Prozent des BIP – zwar weniger als der Höchststand von zehn Prozent nach dem Jahr 2008 und dem Pandemie-Höchststand von 15 Prozent, aber immer noch mehr als im Zeitraum 2000 bis 2007, als es selten über drei Prozent* stieg. Wiederholte Schocks haben aufeinanderfolgende Regierungen zu hohen Ausgaben gezwungen, doch damit ist es noch nicht getan. Anhaltende Arbeitslosigkeit und Langzeiterkrankungen in Teilen der Bevölkerung haben zu untragbaren Sozialausgaben geführt. Allein dies dürfte den Steuerzahler laut dem Ministerium für Arbeit und Renten im Zeitraum 2025 bis 2026 337 Milliarden GBP2 kosten.
Die Geduld der ausländischen Gläubiger schwindet
Der Markt für Staatsanleihen ist eine wichtige Finanzierungsquelle für das Vereinigte Königreich, und die (bis vor kurzem) wahrgenommene Zuverlässigkeit der britischen Regierung hat dazu geführt, dass internationale Anleihegläubiger in der Regel gerne britische Staatsanleihen kauften, um von den angebotenen Renditen zu profitieren. Da Grossbritannien jedoch mit einer steigenden Schuldenlast zu kämpfen hat, ist die Rolle dieser Kreditgeber – die mittlerweile fast ein Drittel3 der ausstehenden britischen Staatsanleihen halten – immer wichtiger geworden. Der damalige Gouverneur der Bank of England, Mark Carney, wies im Jahr 2016 auf die „Freundlichkeit von Fremden“ hin, die bereit waren, britische Staatsanleihen zu kaufen, als diese ihren buchstäblich „gilt-edged“ (erstklassigen) Status zunehmend einbüssten. Die kurzlebige Truss-Regierung von 2022 – in der weitreichende, nichtfinanzierte Steuersenkungen vorgeschlagen wurden – führte dazu, dass die Geduld mit Grossbritannien zu Ende ging, und die Renditen 10-jähriger Staatsanleihen sich 4,5 Prozent* näherten, da die Kreditgeber eine Risikoprämie auf diese Assetklasse forderten.
Bis zu einem gewissen Grad – die Renditen britischer Staatsanleihen sind mit steigender Schuldenlast des Vereinigten Königreichs weiter geklettert:
Daten zum 31. Dezember 2025
„Ordnungshüter“ am Anleihemarkt: Märkte reagieren äusserst empfindlich auf die Fiskalpolitik
Heute, am 14. Mai, liegt die Rendite 10-jähriger britischer Staatsanleihen sogar noch höher bei knapp über fünf Prozent. Der unmittelbare Auslöser ist die Aussicht auf einen Führungswechsel in der Labour-Partei, da frustrierte Abgeordnete nach den Kommunalwahlen einen Kurswechsel fordern. Dahinter steht die Überzeugung, dass die Wähler einen entschlosseneren Linksruck wünschen, um die Herausforderungen des Landes in Bezug auf Ungleichheit und Lebenshaltungskosten anzugehen. In einem Beitrag auf X am 10. Mai, nur wenige Tage nach der Wahl, erklärte die ehemalige stellvertretende Premierministerin Angela Rayner: „Dieses Ausmass an Ungleichheit ist das Ergebnis eines Modells, das auf Deregulierung, Privatisierung und Trickle-down-Ökonomie basiert. Wir haben die Chance, dies zu korrigieren.“ Dies, zusammen mit ihrer Unterstützung für den Bürgermeister von Greater Manchester, Andy Burnham, als potenziellen Kandidaten für die Parteiführung, könnte bei einigen Investoren den Eindruck erweckt haben, dass höhere Ausgaben bevorstehen. Insbesondere die Aussicht Burnhams auf ein Amt als Premierminister scheint angesichts seiner Äusserungen zu einer gewissen Marktempfindlichkeit geführt zu haben: Im Jahr 2025 erklärte er, das Land dürfe nicht „auf dem Staatsanleihemarkt in der Schuld stehen“, in diesem Jahr schlug er vor, dass erhöhte Verteidigungsausgaben von den selbst auferlegten Kreditaufnahmevorschriften des Vereinigten Königreichs ausgenommen werden könnten, und er vertrat die Ansicht, dass irgendwie zusätzliche 40 Milliarden GBP für den Wohnungsbau aufgebracht werden könnten. Es scheint daher wahrscheinlich, dass jeder Nachfolger von Premierminister Sir Keir Starmer eher bereit sein wird, eine ehrgeizigere Agenda zu verfolgen, die die öffentlichen Ausgaben noch weiter erhöhen könnte. Dies wiederum deutet darauf hin, dass der Markt für Staatsanleihen weiterhin als volatiler Gradmesser für die finanzielle Gesundheit Grossbritanniens fungieren könnte, was seine Rolle als stabile Einnahmequelle und Diversifikationsinstrument potenziell gefährden würde, bis ein disziplinierterer Ansatz zum Tragen kommt – entweder freiwillig durch die Regierung oder auf Drängen des Anleihemarktes, der höhere Renditen verlangt, bevor er Anleihen kauft.
Doppelte Belastung: Steigende Unternehmenskosten und innenpolitische Unsicherheit belasten die Stimmung
Auch am britischen Aktienmarkt und bei der Währung war die Reaktion auf die Wahl ähnlich bemerkenswert. Der FTSE 100 verlor am Wahltag 1,6 Prozent, am nächsten Tag 0,4 Prozent, und in den folgenden Handelstagen war nur eine teilweise Erholung zu verzeichnen. Der Aktienmarkt, der ohnehin schon mit hohen Unternehmenskosten zu kämpfen hat, hat angesichts der Aussicht auf einen Führungswechsel „Angst bekommen“, trotz der relativen Unbeliebtheit von Premierminister Starmer. Auch das GBP zeigte sich volatil, gab am Wahltag nach, erholte sich dann wieder und gab erneut nach. Eine stabile Währung ist für den britischen Aktienmarkt besonders wichtig, wobei FTSE Russell im Jahr 2024 feststellt, dass mittlerweile über 80 Prozent der Einnahmen des FTSE 100 aus dem Ausland stammen4 Dies bedeutet nicht zwangsläufig, dass eine deutliche Währungsabwertung ein Segen für die im Index vertretenen Unternehmen ist, wenn sie tatsächlich die politische Unsicherheit über das künftige Steuersystem im Inland widerspiegelt. Die unmittelbare Reaktion auf die Wahlen und deren Nachwirkungen scheint dies zu veranschaulichen. Nach einer Phase starker Performance in den letzten Jahren, die von einer globalen Umschichtung in günstige Märkte und einer starken Rohstoffkonjunktur geprägt war, sieht sich der FTSE 100 nun möglicherweise mit einer neuen Quelle innerstaatlicher Unsicherheit konfrontiert.
Investierbar, aber nicht unwiderstehlich – pragmatische Argumente für ein Engagement in Grossbritannien
All dies mag für Investoren nicht besonders ermutigend klingen, bedeutet aber nicht zwangsläufig, dass Grossbritannien unbedingt gemieden werden sollte. Es erscheint sinnvoll, im Rahmen einer breit diversifizierten Staatsanleihenallokation ein moderates Engagement in britischen Staatsanleihen („Gilts“) im Portfolio beizubehalten, um sich gegen extreme Marktereignisse abzusichern. Schliesslich wird allgemein nicht davon ausgegangen, dass die britische Regierung selbst in Extremfällen ihre Schuldenverpflichtungen gänzlich nicht erfüllen wird. Was den Aktienmarkt betrifft, so bleibt der FTSE 100 eine Art Wertversprechen. Er notiert mit einem Kurs-Gewinn-Verhältnis von knapp über 13 verglichen mit dem teureren 22-fachen des S&P 500* (Stand: 14. Mai). Allerdings dürfte eine deutliche Übergewichtung britischer Aktien und Anleihen schwer zu rechtfertigen sein, solange die britische Politik mit der einfachen Tatsache ringt, dass in der heutigen Wirtschaft mit geringem Wachstum einfach nicht genug für alle da ist. Für in Grossbritannien ansässige Investoren – im Gegensatz zu Investoren die in Grossbritannien investieren – könnte all dies dennoch einen Trost bieten. Da Renditen aus erfolgreichen Auslandsinvestitionen wie dem US-Technologiesektor wieder in GBP umgerechnet werden, fallen mehr GBP an, wenn sich die Währung nach unten anpasst, um die prekäre Lage Grossbritanniens widerzuspiegeln. Dies könnte global orientierte, aber in Grossbritannien ansässige Investoren in die etwas zwiespältige Lage bringen, potenziell vom anhaltenden Chaos zu profitieren, doch die Pragmatiker unter ihnen werden wahrscheinlich einfach dankbar für die Absicherung sein.
Ein Segen für britische Investoren – die schwächere Währung hat die globalen Aktienrenditen britischer Investoren in GBP begünstigt:
Vom 11. Mai 2011 bis 11. Mai 2026
Julian Howard ist Chief Multi-Asset Investment Strategist bei GAM Investments. Dieser Artikel gibt die Ansichten des Multi-Asset-Teams von GAM wieder.
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